Unsterblichkeit, potentiell unendliche Lebenserwartung eines Lebewesens.

1) Glaubenselement der meisten Religionen, wobei einerseits dem jeweiligen Gott Unsterblichkeit zugesprochen wird, andererseits auch die gläubige Seele nach dem Tod ewiges Leben erlangt. Bemerkenswerte Ausnahme einer Religion ohne Unsterblichkeit der Seele ist der japanische Shintoismus.

2) Übertragen: Den Tod überdauernde Berühmtheit eines Menschen ("der unsterbliche Schiller") aufgrund hervorragender Leistungen in der Dichtkunst, Tonkunst oder Malerei, dem Einrichten von Stiftungen, dem Produzieren von Nachkommen, der Politik, der Kriegsführung, dem Gründen von Religionen oder dem Veranstalten von Massakern. Wissenschaftler können dadurch Unsterblichkeit erlangen, dass man Naturkonstanten, Naturgesetze oder Mondkrater nach ihnen benennt.

3) Biologische Unsterblichkeit bei Einzellern, aber auch bei einfachen mehrzelligen Lebensformen. Wirbellose Seetiere (Echinodermata) wie Seesterne oder Seeigel altern nicht und haben in Forschungsaquarien schon Generationen von Wissenschaftlern überlebt*.

Unsterbliches Lebewesen: Stichopus Chloronotus

Ein konkretes Beispiel für ein solches potentiell unsterbliches Lebewesen ist die Seegurke (Stichopus), ein Meeresbewohner mit je nach Art bis zu 40 cm großem, walzenförmigem Körper, den man oft beim Tauchen oder Schnorcheln am Meeresboden antrifft. Seegurken sterben allerdings in der Regel über kurz oder lang eines nicht natürlichen Todes (eingelegte Seegurken gelten in Asien als Delikatesse).

4) Unendliche Lebenserwartung des Menschen durch Aufheben des Altersprozesses.

Die Begrenztheit unseres Lebens ist ein eklatanter Gegensatz zu unserer unbegrenzten Gedankenwelt. Ein Gegensatz, den Nabokov einmal als die "äußerste Herabsetzung, den Hohn und Horror, innerhalb eines endlichen Daseins eine Unendlichkeit des Empfindens und Denkens entwickelt zu haben" beschrieb. Die Gemeinheit liegt nicht nur darin, dass wir relativ früh sterben müssen. Obendrein beherrscht das Wissen darum unsere begrenzte Lebensspanne. Dies setzt uns bei allem, was wir planen und treiben, unter Zeitdruck. Allzu viele Entscheidungen, die wir im Lauf des Lebens treffen, sind unumkehrbar.

Schon im ersten überlieferten Epos der Geschichte, dem Gilgamesch-Epos, strebt ein Sterblicher nach Unsterblichkeit. Literarische Beispiele unsterblicher Menschen sind die Sagengestalt des Ahasver - der 'ewige Jude' - sowie allgemein bekannte Personen wie Connor McLeod, Perry Rhodan oder Enoch Root. Weniger bekannt ist Dr. James Bedford, der 1967 als erster dem Kryonik-Verfahren unterzogen wurde und somit im Rennen um Unsterblichkeit die Nase ganz vorn hat.

Unsterblich werden, indem man nicht altert

Mit der Verzögerung des menschlichen Altersprozesses beschäftigt sich die Gerontologie. Körperzellen können sich durch Teilung vollständig regenerieren, so dass Unsterblichkeit prinzipiell möglich ist. Leider sind in der Praxis noch einige Probleme zu lösen. Zellen altern durch Schädigungen ihrer Proteine, hervorgerufen durch Oxidantien wie freie Sauerstoffradikale. Diese verursachen auch Verschleiß der Erbsubstanz durch DNS-Kopierfehler bei der Zellteilung. Obendrein läuft in jeder Zelle eine 'biologische Uhr' - eine Art genetisches Selbstmordprogramm, das die Zahl der Zellteilungen auf etwa 50 limitiert.

Diese Uhr tickt in den Telomeren, kleinen Endabschnitten der Chromosomen in der Zelle. Sie verkürzen sich ungefähr proportional zur Anzahl der Zellteilungen. Je kürzer die Telomere, desto mehr Teilungen hat die Zelle hinter sich. Unterhalb einer bestimmten Telomergröße verlangsamt sich die Teilungsrate der nun vergreisenden Zelle. Schließlich teilt sich die Zelle gar nicht mehr und stirbt. Dieser Zeitpunkt ist von Zelltyp zu Zelltyp unterschiedlich. Darum wachen wir nicht eines Morgens plötzlich grauhaarig und zahnlos auf, sondern altern langsam, Zelle für Zelle.

Theoretisch lässt sich die Telomer-Verkürzung und damit der Prozess des Alterns aufhalten, denn das Zellkern-Enzym Telomerase kann Telomere komplett regenerieren. Andererseits bewirkt die Zellalterung einen gewissen Schutz vor der ungezügelten Vermehrung fehlerhafter Zellen, auch Krebs genannt. Bevor man also die innere Uhr der Zelle ausschalten kann, muss man die Anfälligkeit der Zelle gegen Krebs und DNS-Kopierfehler verringern.

Manche Körperorgane bilden normalerweise von selbst gar keine neuen Zellen, z.B. das Hirn und das Auge. Dies sind zwar sehr langlebige Organe - unser Gehirn hätte eine Lebensdauer von etwa 800 Jahren, würde der Rest des Körpers mitspielen. Seit einiger Zeit weiß man allerdings, dass sich auch Hirn- und andere Nervenzellen unter bestimmten Umständen neu bilden, ein Prozess, der Neuroneogenese genannt wird. Exotische, weiter in der Zukunft liegende Methoden zur Erlangung von Unsterblichkeit sind implantierte Nanomaschinen zur permanenten Reparatur fehlerhafter Körperzellen, oder das Transferieren des menschlichen Bewusstseins in einen Datenspeicher.

Wann wollen Sie sterben?

Optimistische Wissenschaftler wie der Biologe Aubrey de Grey oder der Futurologe Ray Kurzweil erhoffen den Durchbruch zur Unsterblichkeit um das Jahr 2030, pessimistische erst um 2100. Entscheidend dafür ist natürlich auch die Finanzierung der gerontologischen Forschung und damit die Bedeutung, die die Menschheit der Unsterblichkeit beimisst. Ist das Ausschalten des Alterns überhaupt erstrebenswert? Oder ist - wenn man diese Frage anders herum formuliert - vielmehr der Verfall und das anschließende Sterben vorzuziehen? Darüber gibt es unterschiedliche Meinungen, bei denen auch der religiöse Faktor eine Rolle spielt. Die meisten Religionen sprechen Gott das Unsterblichkeitsmonopol zu und beharren auf dem Sterben des Menschen, da dieser nur so in Gottes Nähe gelangt. Man sollte jedoch nicht der Täuschung unterliegen, auf lange Sicht eine Wahl zu haben. Irgendwann wird die Unsterblichkeitspille zweifellos verfügbar sein. Ethik und hippokratischer Eid gebieten dann, diese auch einzusetzen - auch wenn dies im Hinblick auf Sozialstruktur oder Überbevölkerung ungünstig erscheint.

Freilich würde sich eine unsterbliche Gesellschaft deutlich von der heutigen unterscheiden. Fortpflanzung wird gesetzlich reguliert, so wie dies heute bereits in China der Fall ist. Kinder werden zu einem sehr seltenen und entsprechend bestaunten Anblick. Schulen werden geschlossen, dafür Universitäten neu gegründet, da sich ein unsterbliches Leben am besten mit lebenslangem Lernen sinnvoll verbringen lässt. Pensionen und Rentensysteme werden abgeschafft. Allerdings wird auch viel Spannung und Hektik aus dem Leben verschwinden. Unsterbliche neigen vermutlich dazu, sich für Entscheidungen sehr viel Zeit zu lassen und Dinge auf die unendlich lange Bank zu schieben.

Drei Wege zur Unsterblichkeit

Bleibt die nahe liegende Frage, wie es denn mit Ihren eigenen Aussichten auf ewige Jugend und Unsterblichkeit steht. Die erwähnten Technologien stecken noch in den Kinderschuhen und sind, etwa im Vergleich zur Rüstungsforschung, unterfinanziert oder gar politisch inopportun, da sie zumeist auf Gentechnik basieren. Dennoch sind Sie nicht chancenlos. Je nachdem ob Sie ein passiver oder aktiver, ein religiös oder ein wissenschaftlich orientierter Mensch sind, bieten sich verschiedene Wege zur Unsterblichkeit:

Der Vielwelten-Weg. Tun Sie gar nichts, denn Sie sind bereits (fast) unsterblich. Gemäß Everetts Vielwelten-Deutung der Quantentheorie spaltet sich die Welt bei jedem Quantenereignis in mehrere Weltzweige auf. Wenn Sie in einem Zweig des Ereignisses sterben und im anderen leben, wird Ihr Bewusstsein sich automatisch für letzteren entscheiden. Denn in der anderen Welt hätte es keinen Platz. Sie können also aus Ihrer eigenen Sicht erst dann sterben, wenn sämtliche Zweige eines Quantenereignisses mit Ihrem Tod enden, etwa bei der Zerstörung der Erde durch einen Kometen. Ansonsten können Sie soviel fressen, saufen, rauchen und so riskant leben wie Sie wollen, ohne Ihre Lebenserwartung zu verringern. Allerdings schützt Everetts Theorie nicht vor unangenehmen Nebeneffekten einer solchen Lebensweise. Und es gibt noch einen Wermutstropfen: Die Mehrzahl der Wissenschaftler hält nichts von der Vielwelten-Deutung.

Der religiöse Weg. Er basiert auf der Annahme, dass sich eine sehr große Gruppe von Menschen nicht irren kann. Treten Sie einer verbreiteten Religionsgemeinschaft bei, die eine feste Vorstellung vom ewigen Leben im Jenseits hat. Der Islam etwa weiß hierzu Konkretes und - zumindest für männliche Anhänger - durchaus Angenehmes zu berichten. Wichtig ist auch die Größe der Anhängerschaft und Ihre Fähigkeit, an die betreffende Religion und den jeweiligen Gott fest und innig glauben zu können. Suchen Sie sich also eine Religion aus, die Ihnen liegt. Tun Sie im Übrigen in Ihrem Leben viel Gutes, da dies bei den meisten Religionen zu einem besseren Platz im ewigen Leben verhilft.

Der Kryonik-Weg, basierend auf der Annahme der unbegrenzten technologischen Weiterentwicklung. Begeben Sie sich hierzu zunächst in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Die beschriebene Methode funktioniert nur dort. Schließen Sie eine Risiko-Lebensversicherung über ca. 30.000 US-$ ab. Nehmen Sie Kontakt zu einem Kryonik-Institut auf (Adressen auf www.cryonicssociety.org). Vermachen Sie diesem die erwähnte Lebensversicherung als Gegenleistung für eine Tiefkühllagerung nach Ihrem Tod. Auch bei Wahl dieses Wegs zur Unsterblichkeit sollten Sie in Ihrem Leben viel Gutes tun und darüber reden. Sie haben dann bessere Chancen, dass künftige Generationen die Kosten für Ihren Auftau- und Wiederbelebungsprozess übernehmen.


* Ebert and Southon, Confirmation of longevity for Strongylocentrotus franciscanus with 14carbon, Fishery Bulletin 101(4), 2003

Weblinks zum Thema

■ Umfrage - Wann wollen Sie sterben?
■ Das Projekt Unsterblichkeit
■ Umkehrung des Altersprozesses
■ Kommerzieller Immortalismus
■ Society for Immortalism

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